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Der folgende Text erschien im Jahresmagazin 2009 der Supporters Karlsruhe.
Wir bedanken uns an dieser Stelle für die Möglichkeit der Mitwirkung in dem Heft.
Frauen und Fußball !?
oder: „...das Treten ist wohl spezifisch männlich...“
Ein Beitrag von Tanja Walther-Ahrens, Spielerin beim Berliner Landesligisten
SV Seitenwechsel und Alexander Welter, WildparkJunxx Karlsruhe
UFußball ist in Europa die beliebteste Teamsportart.
UFußball ist ein Reservat und Rückzugsraum für überkommene Männlichkeits-vorstellungen.
UFußball ist der letzte Ort, an dem „die wahre Männlichkeit“ gelebt werden kann, sowohl auf dem Feld, als auch in den Fankurven.
Frauen sind als Spielerinnen, als Fans, Vorstandsfrauen und Sport-Journalistinnen die Ausnahme. Die Unterteilung in Fußball und Frauen-Fußball verdeutlicht, dass Männer den „richtigen“ und „wahren“ Fußball betreiben oder wie Boris Becker es in einem Interview über Steffi Graf im Zusammenhang mit Tennis verlauten ließ: „Sie spielt Damen-Tennis, ich spiele Tennis“.
Die Fußballwelt ist ein besonderer Teil der Sportwelt: Fußball ist nach wie vor eine Männerdomäne. Fußball spielen nur richtige Männer, das Zeigen von weiblichen Wesensarten wird als Schwäche gedeutet. Weibliche Facetten sind nicht willkommen, werden abgewertet und ausgegrenzt. So werden schlechte Spieler als Mädchen oder Schwuchtel bezeichnet. Fußballspielende Frauen sind Mannweiber oder Lesben (wobei hier Lesbe gleichbedeutend ist mit unattraktiv und männlich).
Frauenfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie sind häufig Bestandteile des Fußballs. Sie finden sich wieder in Fangesängen, auf Plakaten und Fotos, in Aufforderungen, dass sich Spielerinnen oder Cheerleaderinnen ausziehen sollen und natürlich in der oft und gerne wiederholten Weisheit, dass Frauen die Abseitsregel per se nicht verstehen oder Aussagen von Fußballgrößen, dass Frauen nach wie vor in die Küche gehören.
Die Fußballwelt demonstriert somit eindrucksvoll, dass sie eine der konservativsten Bereiche unserer Gesellschaft ist. Dabei ist der Grad der Unwissenheit erschreckend. Viele kennen bestenfalls eine Handvoll Schmähbegriffe für Schwule, wissen so gut wie nichts über Lesben und haben klischeehafte Vorstellungen über homosexuelle Lebensformen.
Homophobie ist auf allen Ebenen des Sports zu finden, bei SpielerInnen, TrainerInnen, SchiedsrichterInnen, Vereinen, Verbänden und Fans.
Homosexualität wird sportartenspezifisch unterschiedlich bewertet: Eiskunstläufer dürfen eher schwul sein als Fußballer; Fußballerinnen gelten zu 99% als lesbisch, nicht aber Leichtathletinnen.
Nichtsdestotrotz können in allen Sportarten Diskriminierungserfahrungen gemacht werden. Diese beginnen mit dem ‚sich unwohl fühlen’ in Vereinen oder Teams, weil Lesben oder Schwule in dieser Welt weder als MitspielerInnen noch als ZuschauerInnen vorkommen. Es gibt aber auch extreme Formen der Diskriminierung wie physische Gewalt oder Ausschluss aus einem Verein.
Aus diesem Grund gibt es nur wenige, die sich trauen ihre sexuelle Orientierung öffentlich zu machen und sich zu „outen“. Aber es gibt sie, die lesbischen, schwulen und bisexuellen SpitzensportlerInnen wie Martina Navratilova und Amelie Maurismo (beide Tennis), Greg Louganis (Turmspringen), Judith Arndt (Rad fahren) oder Mark Tewksbury (Schwimmen). Auch im Breitensport finden sich Lesben und Schwule, wobei dort lediglich 3% offen zu ihrer Lebensweise stehen und 64% nur gegenüber engen VereinsfreundInnen ihr Coming Out hatten.
Das Schweigen der Fans, der SpielerInnen und TrainerInnen, der Vereine und Verbände oder die Verneinung und Unsichtbarkeit von Homosexualität im Sport sind gravierende Ausdrucksformen der Homophobie. Das Ausklammern von Homosexualität bewahrt Schwule und Lesben vor Diskriminierungserfahrungen, aber leider nur so lange, wie sie ihre Homosexualität nicht thematisieren. Das sogenannte Gefangenen-Dilemma: Homosexuelle werden nur diskriminiert, wenn sie sich outen, aber sie outen sich nicht aus Angst vor Diskriminierung.
Der Fußball der Frauen geht weniger restriktiv mit Homosexualität um. Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Fußballerinnen, auch in den höheren Klassen und in Nationalteams, lesbisch sind. Lesbischsein wird von der Gesellschaft eher toleriert als Schwulsein. Zwei Mädchen können durchaus Händchen haltend durch die Straße laufen. Und dass Mädchen sich für Fußball interessieren und aktiv spielen, wird inzwischen auch toleriert. Homosexualität bei Frauen ist ein anderes Thema. Lesbische Frauen werden häufig nur als Sportlerinnen gesehen und nicht in ihrer ganzen Persönlichkeit wahrgenommen. Sie werden oft nicht als Lesben akzeptiert, sondern nur als Sportlerinnen.
Der Fußball und die Frauen hatten es nie leicht miteinander. Schon in den 1920er Jahren entdecken Frauen dieses Spiel. Von Anfang an waren es jedoch zahlreiche Männer, die sich ihnen in den Weg stellten. Es wurde damit argumentiert, dass ein so kampf- und körperbetontes Spiel wie Fußball nichts für das zarte Wesen der Frau sei. Argumente gegen Fußball spielende Frauen lieferte beispielsweise der Psychologe Buytendijk (1953), der oft und gerne zitiert wird: „Das Fußballspiel ist also wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit, so wie wir diese auf Grund unserer traditionellen Auffassungen verstehen [...] Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen, wohl aber Korbball, Hockey, Tennis, und so fort. Das Treten ist wohl spezifisch männlich; ob darum Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nicht-Treten weiblich!“ Fußballspielen gilt als Teil „männlicher Sozialisation“ und Mädchen und Frauen gehören nicht auf den Sportplatz. In Deutschland war Fußball für Frauen sogar bis 1970 verboten.
Mädchen und Frauen lieben den Fußballsport oft gerade aus den Gründen, aus welchen ihnen die Teilnahme verweigert wird. Auf dem Fußballfeld können sie sich entgegen der traditionellen weiblichen Rollenmuster verhalten. Sie können stark, mutig oder dominant sein und sich austoben. Somit sind sie jedoch in vielen Augen keine ‚richtigen’ Frauen. Fußballerinnen betreiben den Sport der Männer. Aufgrund ihrer Leistungen und ihrer Athletik in einer kämpferischen Sportart, werden sie als Mannweiber verschrien oder abwertend als Lesben bezeichnet. Interessanterweise verhält es sich in den USA anders. Dort gilt Fußball als eine Sportart für Frauen und Schwule. Die wahren Männer spielen American Football.
In Europa allerdings erfahren Sportlerinnen die meisten Diskriminierungen im Fußball. Mädchen und Frauen können durch Sport mit Freundinnen zusammen sein, ohne dass Jungs oder Männer das einzige Thema sind. Lesben fühlen sich in der Sportwelt und in der Fußballwelt wohl und eher aufgehoben als Schwule. Da es mehr sportlich aktive Lesben gibt, die auch offen mit ihrem Lesbischsein umgehen, werden sie häufiger diskriminiert als Schwule. Hinzu kommt, dass eine Vielzahl von Diskriminierungen Lesben treffen, weil sie Frauen sind. Sexismus gibt es in vielfältiger Form, er reicht von sexualisierten Beleidigungen und Anmachen bis hin zum Absprechen von Kompetenz und Können. Auf den Sexismus folgt sofort die Homophobie, denn wer eine Männersportart ausübt, muskulös aussieht und sich kraftvoll bewegt, kann den gängigen Vorstellungen nach keine richtige Frau sein. Fußballerinnen sind Mannweiber und damit auch gleich Lesben.
Verbände, Vereine und TrainerInnen wollen keine lesbischen Spielerinnen in ihren Teams. Häufig wird Stillschweigen über die sexuelle Orientierung der Spielerinnen vereinbart. Das Lesbischsein soll im Privaten ausgelebt werden und nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Verbände und Vereine achten auf die Außendarstellung ihrer Teams. Diese sollen möglichst ein „sauberes“ Bild abgeben, damit Sponsoren oder ängstliche Eltern sich nicht beschweren. „Viele Väter sagen mir, sie würden ihre Tochter nie zum Fußball schicken“ berichtet der ehemalige Frauen-Nationaltrainer Gero Bisanz. Immer noch fürchten Menschen sich davor, dass Homosexualität ansteckend ist oder Fußballspielen lesbisch macht. Eltern schicken ihre Mädchen nicht zum Fußball, weil sie vermuten, dass es dort nur Frauen gibt, die homosexuell sind. Sex unter der Dusche wird angedeutet (Einige Spielerinnen erzählen, dass andere erzählt hätten, dass sie welche gesehen hätten, die etwas gemacht hätten...), aus Andeutungen werden Fakten, die abenteuerliche Sexfantasien anregen, welche oft mehr über die Ängste und Wünsche der BetrachterInnen erzählen, als über die Fußballerinnen.
Es gibt keine Angaben darüber, wie viele Fußballerinnen in den oberen Ligen lesbisch sind. Wie bei den männlichen Kollegen hat sich noch keine öffentlich geoutet. Die negativen Konsequenzen für einzelne dürften jedoch gering sein, wenn alle lesbischen Fußballerinnen offen mit ihrem Lesbischsein umgehen würden. Auf so viele Spielerinnen kann kein Verband und kein Verein verzichten.
Die neuen kommerziellen Entwicklungen im Frauenfußball sind aus Frauensicht sehr ambivalent zu sehen. Frauenfußball erfährt heute mehr Aufmerksamkeit und die Teams haben höhere Etats, damit verbunden ist jedoch eine direkte Steigerung der Weiblichkeitsanforderungen: kürzere Hosen, taillierte Trikots, lange Haare etc.. Frauen, die den Stereotypen der klassischen Lesbe entsprechen, fallen nach wie vor aus dem Rahmen. Hinzu kommt, dass, ungeachtet der neuesten Entwicklungen, Frauen-Fußball nie so im Medieninteresse stehen wird wie der Männer-Fußball. Trotz publikumswirksamer Europa- oder Weltmeisterschaften und zahlreicher Erfolge einzelner Nationalteams sinkt das öffentliche Interesse leider immer wieder schnell. Frauen im Fußball fehlt das Forum.
Beeindruckend hingegen ist die hohe Zahl der lesbischen Fußballerinnen bei schwul-lesbischen Veranstaltungen wie EuroGames, Gay Games oder der schwul-lesbischen Fußball Weltmeisterschaft. Hier treten regelmäßig drei- bis viermal mehr Frauen gegen den Ball als Männer. Besonders erstaunlich ist diese Tatsache aufgrund der Unterrepräsentanz von Frauen im Sport generell und ganz besonders im Fußball.
Der damalige FIFA Präsident Blatter prognostizierte 1995: „Die Zukunft des Frauenfußballs ist weiblich“. Die Zukunft des Fußballs ist sicherlich ein Stück weit auch weiblich, wie groß dieses Stück sein wird, hängt von den Menschen ab, die sich für Frauenfußball begeistern und engagieren. Inwieweit die Zukunft des Fußballs lesbisch sein wird, bleibt offen und hängt davon ab, wann Fußball ein Raum sein wird, in dem homosexuelle Frauen sich trauen können, offen mit ihrem Lesbischsein aufzutreten.
Für Vielfalt und Toleranz !
Helft mit, seid vielfältig !
Website: www.wildpark-junxx.de
Zur Person Tanja Walther-Ahrens:
Geboren 1970 in Hessen. Aufgewachsen in ländlicher Idylle mit Kühen und dem runden Leder. Nach mehrmaligem Gewinn der Meisterschaft der Landesverbände mit dem hessischen Auswahlteam in den 80´er Jahren erfolgte nach dem bestanden Abitur der Umzug nach Berlin.
Beginn des Studiums der Sportwissenschaften und der erfolgreichen Karriere in der Bundesliga von 1992-1994 bei Tennis Borussia Berlin. Sportliche Herausforderung in den USA durch ein Sport-Stipendium am William Carey College, Mississippi von 1994 bis 1995. Danach spannende Jahre bei Turbine Potsdam in der Bundesliga von 1995 bis 1999.
Heute eine immer noch leidenschaftliche Fußballerin in der Berliner Landesliga beim SV Seitenwechsel. Seit 10 Jahren aktiv im Beirat des SV Seitenwechsel und seit 2006 Delegierte der European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF) beim europäischen Netzwerk Football Against Racism in Europe (FARE).
Initiatorin der Aktionsabende gegen Homophobie im Fußball. Hauptberuflich Lehrerin.
2008 erhielt Tanja Walther-Ahrens zusammen mit Philip Lahm and Dr. Theo
Zwanziger den TOLERANTIA-Preis.
Veröffentlichungen: Kick it out – Homophobie im Fußball (2006)
Literatur zum Thema:
Buytendijk, Fred J.J.: Das Fußballspiel. Eine psychologische Studie. Würzburg 1953.
Calmbach, Beatrice et al: Diskriminierung von Lesben und Schwulen im Baseler Vereinssport. Basel 2001.
Fechtig, Beate: Frauen und Fußball: Interviews, Portraits, Reportagen. Dortmund 1995.
Marschik, Matthias: Frauenfußball und Maskulinität: Geschichte – Gegenwart – Perspektiven. Münster 2003.
Palzkill, Birgit: Turnschuh oder Stöckelschuh. Bielefeld 1990.
Pfister, Gertrud: Sport im Lebenszusammenhang von Frauen. Ausgewählte Themen. Schriftenreihe des Bundesinstituts für Sportwissenschaft 104. Schorndorf 1999.